Philippe Karl sagt über Sibylle Wiemer, dass sie – wenn es sie nicht schon gäbe – erfunden werden müsse.

     
Was macht diese kleine agile Frau so bemerkenswert?

    
Lassen wir ihre Pferde sprechen: Sie spiegeln in ihrer Vielfältigkeit, vom Haflinger bis zum großen Warmblut, vom zarten Pony zum kräftigen Kaltblut, die ‚multikulturelle Toleranz’, die Sibylle Wiemer lebt. Sie war schon immer an den ganz individuellen Seiten einer Persönlichkeit interessiert, sei sie Mensch oder Pferd. Allen Pferden und Menschen, die Lebenszeit mit Sibylle verbracht haben, half sie sich zu entfalten und Stück für Stück, das eigene Potential zu entdecken. So geht es ihr bei Pferden nicht um ‚Material’, sondern um fühlende und kommunizierende Geschöpfe. Pferde, die Sibylle irgendwann aus unglücklichen Situationen erlöst hat, arbeiten heute gemeinsam mit ihr in Therapien und Reitstunden für Kinder und Erwachsene. Vertrauen und Respekt sind allgegenwärtig in Sibylles Arbeit.
Grundlagen dieser Arbeit sind tiefes Verständnis für die natürlichen Bedürfnisse zwei- und vierbeiniger Schützlinge. So leben die Pferde artgerecht, genießen eine ganzheitliche Gesundheitsprophylaxe und solide Vertauensarbeit. Pferdeausbildung geschieht nach den Grundsätzen der Ecole de Légèreté. Orientiert an den physischen und psychischen Bedürfnissen der Pferde, werden in kleinen und systematischen Schritten gymnastizierende und balanciernde Lektionen erarbeitet.
Reiten lernende Zweibeiner erfahren Unterstützung durch ganzheitliche Förderung. Sowohl psychischen Besonderheiten wie Ängsten bei älteren Reitanfängern oder Traumen nach Unfällen wie physischen Besonderheiten wie alltäglichen Schiefen oder massiven Körperbehinderungen trägt Sibylle Rechnung. Sie verwebt hier ihr langjähriges Lernen bei ihren Lehrern Philippe Karl und Eckart Meyners.
Natürlich haben im Leben einer so großherzigen Frau auch jede Menge Kinder Platz. So können schon die ganz Kleinen in Kindergruppen einen natürlichen Umgang mit dem Pferd und schrittweises Einsteigen in die Reiterei erlernen.
Beeindruckend ist Sibylles Jugendreitgruppe im eigenen Stall, die nicht nur bei heimischen, sondern auch auswärtigen Schaubildern zeigt, wie Harmonie und Leichtheit auf den Rücken von Pferdepersönlichkeiten gelebt werden kann.
Glücklicherweise ist Sibylle Wiemer ganz real. Ich habe sie nicht erfunden!


Alex Seeland

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Sitzkurs bei Sibylle Wiemer im Reitzentrum Wümmetal in Fintel


Letztes Wochenende war es soweit, nach einem letzten Tätscheln des Schimmelhinterns ging es Freitag Abend los, zum Fremdgehwochenende nach Fintel am Rande der Lüneburger Heide.. Fremdgehen deshalb, weil ich in der Tat das erste Mal seit meinem zweiten Pferdefrühling (lange Reitpause) ein anderes Pferd als den weltbesten Schimmel besteigen wollte. Hauptsächlich, um meine Hüfte und meine Schultern mit dem ganggewaltigen Schimmelviech zu versöhnen.
Nach endloser Sucherei (richtig nervig) endlich am Zielort angekommen, stellte ich fest, dass das Reitzentrum ein sehr schönes Gästehaus hat, in dem die Kursteilnehmerinnen komfortabel untergebracht werden, mit Gemeinschaftsraum und Rückzugsmöglichkeiten. Dort platze ich in eine gemütliche Frauenrunde, die aber durch zufallende Augen schnell beendet wird.
Am Samstag um 9.00 treffen wir im Stall ein, wo dann auch Alex Seeland einschneit.
Nach einer Runde über´s Gelände, gewürzt mit Geschichten über die Pferde (und da gibt es einige!) liest Sibylle uns vor, was die FN zum Reitersitz zu sagen hat. Betretenes Schweigen. Schnell ist klar, dass keiner von uns das notwendige Gardemaß hat, das diesen Vorstellungen entspricht. Zudem gestehen alle Damen, dass sie nicht vorhaben, sich auf militärische Geschichte berufend im Bombenhagel von Berlin nach Moskau zu reiten, sondern es fallen „Harmonie“, „Freiheit“, „Glück“, „locker“, „Freude“ und „Einheit“ als Vorstellungen, wie wir reiten möchten. Dass dies dementsprechend andere Ansprüche an den Sitz stellt, leuchtet ein.
In Zweiergruppen nähern wir uns dann den zugeteilten Pferden, Tina und ich teilen uns den 6jährigen Schwarzwälder Kaltblüter Felix, der fröhlich unter seiner kapitalen Mähne hervorblitzt.
Die erste Einheit läuft unter dem Motto „Selbsterfahrung“, daher möchte ich darüber nichts schreiben. Nur so viel: Eine halbe Stunde sitze ich mit geschlossenen Augen auf Felix` warmen, breiten Rücken und lasse mich führen. Danach bekommen die Pferde eine Pause und dann bin ich dran mit Führen. Bemerkenswert ist, wie das Pferd auf die Reiterin reagiert – Felix kaut, schnaubt, flämt, wird langsam und schneller, je nachdem, was Tina auf seinem Rücken gerade tut. Hinterher erfahre ich, dass Felix schon sein Arbeitsleben lang auf dem Hof steht und hier als Therapiepferd ausgebildet wurde und eingesetzt wird. Er ist also ein richtig professionelles Spiegelpferd und erfüllt diese Aufgabe hingebungsvoll.
Mittagspause.
Nachmittags sattle ich Herbert, einen 182 cm Braunen, der schon sehr sensibel aus seiner Decke hervorkuckt und eine traurige Vergangenheit hat, wie fast alle Pferde auf diesem Hof. Jetzt tut er aber brav seinen Dienst und wird mich noch kräftig überraschen.
Eine Helferin nimmt mich an die Longe und Sybille betrachtet mich kritisch. Schnell sind die Baustellen gefunden, es heisst antraben und kräftig arbeiten: Leichttraben mit Stehenbleiben, Leichter Sitz mit Ententanz, Katzenbuckel und Hohlkreuz und so weiter und so fort.
Zum Abschluss darf ich ohne Bügel galoppieren – oder war das schweben? Herbert ist ein Wolkenpferd….Sibylle rät zur Lockerung meines Unterkiefers und schlägt vor, ich solle ein Lied singen: Ich stimme „Im Frühtau zu Berge“ an und ein Ruck geht durch Herbert: „Oh Musik! Ich bin dabei“ und er springt selbstverständlich in den Takt und so trällern wir zusammen durch die Gegend. Das war echt Klasse!
Ich steige ab und fühle mich so schief wie nie. Die eine Hüfte weiter vorne, die Schultern unterschiedlich und was macht da eigentlich mein Kopf? AUWEIA!
Der Nachmittag vergeht beim Zusehen schnell, in einer Ecke der Halle wird ein Gymnastikraum aufgebaut mit einem FlexiBar, einem von diesen tollen Wackelhockern „Balimo“, einer Turnmatte und einem Balancepad.
So können wir immer wieder turnen und dabei den anderen beim Reiten zusehen – die Pferde nehmen´s gelassen, schliesslich sind sie daran gewöhnt, dass die Menschen auf dem Boden herumkriechen (gerne auch mal auf dem Hufschlag) oder sonst welchen Kram veranstalten.
Jede bekommt eine individuelle Einheit von Sibylle oder Alexandra mit anschließenden Hausaufgaben und Tipps.
Der Abend klingt in der Küche aus, unter Pferdeleuten gibt es ja immer viel zu erzählen.
Am Sonntag starten wir wieder um 9.00, mit Frühsport! Die gesammelte Mannschaft marschiert, springt, grätscht und hampelfraut in der schönsten Morgensonne zwischen den Weiden entlang zum Springplatz. Dort wird geturnt und getobt, gelockert und viel gekichert.
Zurück im Stall dürfen wir uns wünschen, ob wir frei reiten oder an die Longe möchten, fast alle wählen die Longe, manche turnen auf dem Voltipad, andere mobilisieren sich mit Sattel.
Ich darf wieder mit dem musikalischen Herbert arbeiten. Statt Übungen im Trab bekomme ich die erste Feldenkraiseinheit meines Lebens und bin danach fertig mit der Welt: Die Erweiterung meiner Schultermobilität ist so frappierend. Zur Belohnung darf ich wieder galoppieren und schaukle auf dem treuen Herbert einen fiktiven Berg hoch und spüre dabei endlich mal vier separate Beine, bin für meine Verhältnis erstaunlich locker (was die Anschaffung eines Sport-BHs notwendig macht.)
Nach der Mittagspause wird der arme Herbert wieder an die Longe geklemmt und muss mich im Trab durch die Gegend tragen: wir verbinden das vorher probierte und arbeiten wieder an der Losgelassenheit der Reiterin: Ich schwenke die Hüften, kreise die Schultern, schlackere mit den Ohren, atme laut und deutlich und beiße eifrig auf die Unterlippe (grrrr). So langsam bekomme ich ein Gefühl dafür, was ein balancierter Sitz bedeuten könnte und weiß, dass jetzt viel Arbeit vor mir liegt – die ich mit Freude aufnehmen werde. Als Abschiedsbonbon singen Herbert und ich wieder zusammen und danach schenkt er mir noch was besonders Nettes: Ich kaue, er setzt sofort ein und kaut mit. Ich tue so, als hätte ich den Zügel in der Hand und spiele mit diesen – Herbert reagiert sofort, er senkt den Kopf, rundet den Hals und bleibt sogar stehen, als ich gar zu unbeholfen die Hand eindrehe. Als ich den virtuellen Zügel dann aus der Hand kauen lasse und an der virtuellen Schnalle halte, wendet er zufrieden ab und geht zur Longenführerin: Fertig! Ich bin ganz begeistert und kucke mir vor der Abfahrt noch zwei Einheiten der Anderen an.
Fazit: ein ganz wunderbarer Kurs, der neue Perspektiven eröffnet und mir konkrete Handlungsweisen mitgegeben hat, meinen Sitz zu verbessern, indem ich mein körperliches Unvermögen erkenne und damit arbeite. Die Atmosphäre auf dem Hof ist für ein solches Wochenende einfach wunderbar, die Pferde und Ponies ertragen die einfallenden Stadtmenschen mit großer Gelassenheit und freundlicher Zuwendung. Die Lehrerinnen und Helferinnen waren mit großer Offenheit und enormem Wissen bei der Sache und wir haben zusammen viel gelacht. Und vielleicht war die chaotische Organisation des Drumherums ja auch hilfreich dabei, mal loszulassen.
                                                                                                        Hannah aus Berlin