Wie kam Philippe Karl mit seiner Philosophie der Leichtheit nach Fintel?
1998 Sibylle Wiemer ritt 27 Jahre, sie hatte stets guten Unterricht bei namhaften Ausbildern wie Eva-Marie Römer, Uwe Wichmann, Jochen Künneke und Christian Garweg. Sie ist Trainer A im Reiten, Trainer B Pferdeausbildung und Trainer C im Voltigieren mit diversen Ausbildungen im therapeutischen Reiten und Reiten als Gesundheitssport.
Der Betrieb, das Reitzentrum Wümmetal in Fintel, hatte und hat einen guten Ruf: Heilpädagogisches Reiten, Abzeichenlehrgänge, Turnierteilnahme auf Schulpferden in Dressuren bis Kl. L, Reitunterricht für alt und jung, die Schulpferde sind vielseitig und solide ausgebildet.
Philippe Karl wurde von Bea Borelle eingeladen, die damals in Fintel lebte. Das Buch über die Doppellonge war bekannt, aber Sibylles Interesse an seinem ersten Lehrgang war eher gering. Und trotzdem - Philippe Karl hinterließ einen deutlichen Eindruck.
Den folgenden Kurs im Januar 1999 besuchte Sibylle Wiemer aktiv mit zwei ihrer Pferde - Herbert und Piko. Dann kam der entscheidende Moment: Das Nachreiten von Herbert, auf dem Philippe Karl in seiner Philosophie vorgeritten und seine Reitweise erklärt hatte. Nach wenigen Trabtritten war die komplette Veränderung spürbar, Leichtigkeit – Leichtheit in einer unbekannten Dimension.
Ein Saatkorn war gelegt: Für Sibylle Wiemer war es schlagartig klar. genau dieses Gefühl wollte sie beim Reiten haben. Und gleichzeitig taten sich so viele Fragen auf, Sibylle kam sich vor wie ein Anfänger und gleichzeitig taten sich ganz neue Welten des Reitens auf:
Sibylle Wiemer hat sich zu keinem Zeitpunkt gegen ihre Wurzeln in der FN entschieden oder gar geplant, den Reitbetrieb und das Reitzentrum Wümmetal grundlegend umzustellen. Damals ahnte sie nichts von den Diskussionen in der Presse um die Hohe Hand und das nie enden wollende Kritisieren der offen kauenden Mäuler.
Die Philosophie Philippe Karls hat das Reiten und Unterrichten grundlegend verändert. Das Enorme Wissen um Anatomie, Biomechanik, Biologie und Psychologie der Pferde hat die Art der Ausbildung verwandelt. Aber diese Veränderung geschah Schritt für Schritt, mit Leichtigkeit, nicht mit Zwang oder Druck.
Balance, das Gleichgewicht des Pferdes findet intensive Beachtung, eine Vielzahl von Übungen und Lektionen helfen selbst dem ungeübteren Reiter, die Schul- und Lehrpferde auf ihrem Ausbildungsstand zu halten. Dem fortgeschrittenen Reitschüler ist es möglich, die Pferde und Ponies weiter auszubilden.
Der Shetty, die Haflinger, Tinker und die Kaltblüter – sie alle beherrschen die Seitengänge. Sie sind mobil im Maul, kauen zufrieden auf ihren Gebissen, Nasenriemen sind locker oder fehlen ganz. Sie sind nicht nötig, um das Maul des Pferdes geschlossen zu halten. Die Reitschüler lernen ihre Hände so effizient und fein zu benutzen, dass sie die Pferdemäuler nicht belasten. Und wenn ein Pferd mal sein Maul aufsperrt, ist das nicht die unmittelbarste Kommunikation zwischen Pferd und Reiter? Das Maul ist der sensibelste Teil des Pferdekörpers, zu dem wir Reiter in Kontakt stehen und dieser Teil verdient den höchsten Respekt. Wie können wir das Pferd verstehen, wenn wir ihm das Maul zusperren. Natürlich erfordert diese Denkweise sehr viel Sorgfalt in der Sitzschulung und Basisarbeit. Der Reiter muss wirklich sicher in allen Gangarten freihändig sitzen, bevor er den Zügel in die Hand bekommt. Dabei kommt Sibylle Wiemer die jahrelange Fortbildung bei Eckart Meyners sehr zugute. Flexible, ausbalancierte und mobile Reitschüler erhalten die Bereitschaft der Pferde mitzuarbeiten.
Die Nutzung der Hände und damit die Haltung des Schultergürtels des Reiters sind völlig anders. Eine in alle Richtungen bewegliche und dynamische Hand begleitet das Pferdemaul im Vorwärts. Das ist entgegengesetzt zu der unbeweglichen Handposition über dem Widerrist. Die Pferde antworten in arbeitsbereiter und feiner Weise. Reiten macht Freude. Natürlich ist das Ziel eine den internationelen Richtlinien angepasste Handhaltung, eine Handbreit über dem Widerrist in der Breite mindestens des Pferdemauls - die Linien Maul, Faust, Ellbogen erhaltend erreicht wird. Der Weg dahin ist jedoch verändert.
Technik und Ideen sind gefragt, nicht das nächste oder beste Hilfsmittel, welches das Pferd in eine Position zwingt. Die Hände werden geschult wie die eines Pianospielers, nicht wie die Fäuste eines Boxers - viel dieser Zitate von Philippe Karl beleben unsere Reitstunden. Philippe Karl ist viel mehr als ein begnadeter Reitlehrer, er ist Poet, Freund der Klassischen Literatur und Musik, ein guter Musiker, gebildet, er spricht mehrere Sprachen.
Die Erkenntnis, das wir Reiter die Pferde nicht zwingen sollten, sondern sie systematisch unterweisen, vielleicht auch in kleinsten Schritten sich an neue Lektionen heranzuwagen, dass manchmal Umwege gemacht werden müssen – als Reitschüler Philippe Karls sprechen wir von einem ständigen „back to basics“:
Ist das Maul flexibel? Das Kiefergelenk tätig? Wenn nicht, einen großen Schritt dahin zurück – und die Pferde danken es – Schritt für Schritt geht die Ausbildung weiter.
Sind die Pferde im Genick locker und beweglich, können wir wirklich jederzeit die Dehnungshaltung abfragen? Wenn nicht, wieder zurück – wir beginnen keine neuen Lektionen auf Kosten der Basis – das ist die Schule der Légèreté in einem kleinen Schulbetrieb. Philippe Karl sagt, eine Lektion ist das Geschenk, das wir bekommen, wenn wir die Vorbereitung gewissenhaft gestalten. „Aller Anfang geht mit“
Dieser Ausspruch des Kirchenlehrers Augustinus (354 – 430) bedeutet, dass die Form und der Inhalt eines Anfangs über das Gelingen entscheiden. Das ist Philippe Karl, ein Philosoph und Reitmeister durch und durch.
Flexibilität, Mobilität , Balance und Légèreté als tragende Säulen des Reitens, fehlt eine Säule, kippt das Dach - wie bei einem Haus. Der Reiter trägt den Schlüssel für die Tür, geschickt muss er das Schloss nutzen. Wir wollen doch nicht die Tür eintreten. Ein schönes Bild, das ich als Ausbilder auch den kleinsten Kindern erklären kann.
Sibylles Lieblingszitat Philippe Karls zum Thema VorwärtsReiten:
Der Trab eines Pferdes soll sich anfühlen, als könne es jederzeit eine Passage werden, nicht wie die Bewegung einer Ziege, die abends hungrig zum Stall rennt.